Was könnten die Folgen des russischen "Nuklearterrorismus" sein?
Die Einnahme Russlands zweier Atomkraftwerke durch seine Streitkräfte bergt die Gefahr einer nuklearen Katastrophe im Falle von Nachlässigkeit, dessen sie sich nicht bewusst sind, schreiben Margaryta Khvostova, Denys Davydenko und Olga Lymar.
Russland hat zwei Atomkraftwerke, die ständig von Fachleuten beaufsichtigt werden müssen, in die Hände von Söldnern gegeben, die sich der potenziell katastrophalen Folgen im Falle einer Nachlässigkeit nicht einmal bewusst sind, schreiben Margaryta Khvostova, Denys Davydenko und Olga Lymar.
Margaryta Khvostova, Denys Davydenko und Olga Lymar vertreten die Reanimation Package of Reforms Coalitions (Koalition von 26 prominenten ukrainischen NGOs und Think Tanks).
Auf den Einmarsch Russlands in die Ukraine folgten bereits Drohungen mit dem Abschuss von Sprengköpfen seitens Moskaus. Nun kam es zu einer neuen, noch nie dagewesenen nuklearen Erpressungsaktion: die Besetzung zweier Atomkraftwerke in der Ukraine und die Verängstigung der Welt durch eine weitere Form einer Atomkatastrophe.
Diese nuklearen Drohungen erscheinen besonders ironisch angesichts der russischen Garantien, die Sicherheit der Ukraine im Gegenzug für ihre Zustimmung zum Verzicht auf Atomwaffen zu gewährleisten, wie es im Budapester Memorandum heißt.
Bisher ist der Betrieb von zwei Atomkraftwerken in der Ukraine durch die Handlungen des russischen Militärs gefährdet – die Atomkraftwerke Tschernobyl und Saporischschja, letzteres ist das größte in Europa.
Das ukrainische Personal wird an beiden Standorten festgehalten und ist es nicht erlaubt in rotierende Schichten zu arbeiten. Europa und die ganze Welt sind dem Risiko einer nuklearen Katastrophe ausgesetzt, ohne dass Russland auch nur „provoziert“ wird, den „roten Knopf“ zu drücken.
Jeder erinnert sich noch an die Tschernobyl-Katastrophe von 1986.
Vierzig Jahre lang hat die Ukraine und die ganze Welt alle Anstrengungen unternommen, um die Folgen dieses Unfalls zu bewältigen, und nun droht all dies erneut zu geschehen, und zwar wegen Arroganz und einer weiteren Dummheit.
Das russische Militär hält das Gelände derzeit besetzt, und seit dem 9. März ist das Zentrum vom nationalen Stromnetz gekappt. Dies könnte dazu führen, dass die Kühlsysteme, die die abgebrannten Kernbrennstoffe versorgen, ausfallen, sodass in weniger als einer Woche „ein Strahlungsaustritt unmittelbar bevorsteht“, wie der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba erklärte.
Am 10. März traf er sich mit Vertreter:innen der IAEO in Ankara, um über die Vermeidung einer neuen Katastrophe zu beraten. Während des Treffens bestand er auf dem sofortigen Abzug der russischen Truppen aus den Kernkraftwerken Tschernobyl und Saporischschja, um eine nukleare Katastrophe zu verhindern.
Es gab bereits Versuche, das Stromnetz wieder in Ordnung zu bringen, aber eine weitere Provokation könnte alle Bemühungen zunichte machen. Nach Angaben des ukrainischen Geheimdienstchefs hat Russland dafür zwei Szenarien: groß angelegte Brandstiftung in den Wäldern von Tschernobyl, um eine radioaktive Wolke in die Luft zu blasen, oder der Beschuss mit Artillerie oder Raketen auf ein Atomlager in Tschernobyl.
Die russische Armee hat bereits am 3. März das Atomkraftwerk Saporischschja beschossen, dessen Gelände samt Personal zur Zeit besetzt ist. Als Folge des Angriffs brach im Kraftwerk ein Feuer aus, das später gelöscht wurde.
Ähnlich wie in Tschernobyl verlor auch die IAEO den Zugang zu den Systemen zur Überwachung des Kernmaterials des Atomkraftwerks Saporischschja, wie der Generaldirektor der Organisation, Rafael Mariano Grossi, mitteilte.
Der Grund für die Störung bei der Datenübertragung ist noch nicht geklärt. Das Atomkraftwerk hat zwar in der Vergangenheit keine Katastrophe wie Tschernobyl erlebt, doch das sollte uns nicht trösten, denn das Saporischschja-Atomkraftwerk hat die gleiche Leistung wie sechs Tschernobyls.
Im Grunde hat Russland zwei nukleare Objekte, die ständig professionell beaufsichtigt werden müssen, in die Hände von Söldnern gegeben, die sich der potenziell katastrophalen Folgen einer Nachlässigkeit nicht einmal bewusst sind.
Dies wirft die Frage auf, inwieweit die russische Regierung, allen voran Putin, und andere Entscheidungsträger:innen in der Lage sind, eine solch hohe Zahl an Atomkraftanlagen zu verwalten, die sich derzeit in ihrem Besitz befinden.
Wie können wir also in Zukunft eine von Russland verübte Nuklearterrorakte verhindern? Die führenden Politiker:innen der Welt müssen ernsthafte Debatten über die Revision der nuklearen Abrüstungspolitik nach dem Krieg führen.
Die Welt sollte einfach nicht akzeptieren, dass das Narrativ der nuklearen Bedrohung, sei es durch Atomraketen oder Atomkraftwerke, ein politisches Argument bleibt.
Es scheint unmittelbar bevorzustehen, dass die gegenwärtige Weltordnung nach diesem Krieg umgestaltet werden wird, und die Welt sollte bereits jetzt ernsthaft in Erwägung ziehen, die Debatte über die nukleare Nichtweiterverbreitung als Teil dieses Prozesses zu führen.
In Anbetracht der mangelnden Erfahrung der derzeitigen globalen Diplomaten mit dieser Art von Debatte sollten sie ihre Argumente vorbereiten und sich jetzt auf eine konsolidierte Position einigen.
Die Abkommen zur nuklearen Rüstungskontrolle aus der Zeit nach dem Kalten Krieg erscheinen heute schlichtweg überholt. In der Tat wurden sie nach und nach abgeschafft. Dazu gehören der Vertrag über konventionelle Streitkräfte in Europa (2007), der Vertrag über antiballistische Raketen (2002) und der Vertrag über nukleare Mittelstreckenwaffen (2019).
Es zeigte sich, dass die Welt zu vergessen schien, dass die nukleare Bedrohung nicht nur eine überdramatisierte Theorie ist, sondern eine echte und kaum kontrollierbare Gefahr darstellt.
Doch auch wenn sich der Westen vor einer Woche bereit erklärte, die russischen Drohungen zu widerlegen, sollte er die alten Verhandlungsprotokolle über die Verbreitung von Atomwaffen abstauben und darüber nachdenken, die nukleare Abrüstung im Gegenzug für die Aufhebung der Sanktionen in Zukunft auf den Tisch zu legen.