Klimawandel zieht Grenze zwischen Italien und der Schweiz neu
Landgrenzen werden oft als feste Linien betrachte. Doch in Gebirgsregionen wie den Alpen, wo schmelzende Gletscher und Permafrost die Landschaft umgestalten, sind die lokalen Behörden manchmal gezwungen, Karten neu zu zeichnen.
Landgrenzen werden oft als feste Linien betrachte. Doch in Gebirgsregionen wie den Alpen, wo schmelzende Gletscher und Permafrost die Landschaft umgestalten, sind die lokalen Behörden manchmal gezwungen, Karten neu zu zeichnen.
„-Merci,“ „- Merci.“ Die Ankömmlinge am Ende der Seilbahn auf dem Testa Grigia (3.458 Meter) tauschen Höflichkeiten auf Französisch aus. Wir befinden uns an der schweizerisch-italienischen Grenze, direkt oberhalb des Theodulgletschers.
Die beiden Gemeinden am ikonischen Matterhorn – auf schweizer und auf italienischer Seite – florieren dank der zahlreichen Touristen. Sie kommen, um die Schönheit der Region zu besichtigen und auf den hoch gelegenen, ganzjährig beschneiten Pisten Ski zu fahren.
Auf der Schweizer Seite überholt der Skiort Zermatt das Wirtschaftswachstum der Schweiz, während Cervinia auf der italienischen Seite besser abschneidet als der Großteil Italiens.
Und das, obwohl das Schmelzen des Gletschers die Landschaft verändert hat und die lokalen Behörden gezwungen waren, die Grenze zwischen den beiden Ländern neu zu definieren.
„Der Gletscher ist auf der italienischen Seite geschrumpft. In einigen Gebieten gibt es nur noch Land“, sagt Jérôme Perruquet, ein Bergführer aus dem Aostatal.
Das Ausmaß der Gletscherschmelze auf der italienischen Seite mache Konsolidierungsarbeiten notwendig, die bald beginnen sollen, so Perruquet.
„Die Schweizer werden sie anführen, weil sie, obwohl sie größtenteils auf italienischem Gebiet liegen, das größte wirtschaftliche Interesse haben“, erklärt er gegenüber EURACTIV.
Da die Interessen beider Länder übereinstimmen, verlaufen die Gespräche reibungslos. Der Eingriff, der mit Baggern durchgeführt wird, zielt darauf ab, den Skibetrieb rund um den Theodulgletscher aufrechtzuerhalten. „Wir haben alle etwas davon“, auch wenn der Gletscher „ein wenig leidet“, sagen die örtlichen Bergführer.
Das Komitee für die Erhaltung der Staatsgrenze zwischen der Schweiz und Italien traf sich vom 9. bis 11. Mai dieses Jahres in Bern zu ihrer regulären Sitzung. Die Diskussionen konzentrierten sich hauptsächlich auf die Korrektur der Grenze in der Region Testa Grigia/Plateau Rosa. Nach Angaben des Bundesamtes für Landestopografie (Swisstopo) wurde eine entsprechende Vereinbarung ausgearbeitet.
Die Verfahren zur Genehmigung des Abkommens vom Mai „werden nun sowohl in der Schweiz als auch in Italien eingeleitet“, heißt es, obwohl Swisstopo nach eigenen Angaben nicht weiß, wann das Abkommen veröffentlicht wird oder wann eine endgültige politische Bestätigung erfolgen wird.
1.000 Gletscher weniger
In den europäischen Alpenregionen werden die politischen Grenzen oft entlang von Gebirgslinien gezogen, in der Regel entlang einer Wasserscheide. Da sich diese aufgrund der globalen Erwärmung verschieben, dürften in Zukunft auch weitere Grenzen verschoben werden müssen.
„Aufgrund des Klimawandels und des raschen Abschmelzens der Schweizer Gletscher können wir davon ausgehen, dass es in Zukunft ähnliche Fälle geben wird“, bestätigt Swisstopo.
Im Falle des Theodulgletscher sind die Hauptattraktionen das ikonische Matterhorn und die Möglichkeit, das ganze Jahr über in den Skigebieten von Zermatt (1.620 m) auf der Schweizer Seite und Cervinia (2.050 m) auf der italienischen Seite Ski zu fahren.
Und da die Skigebiete in niedrigeren Lagen aufgrund des Klimawandels um Schnee kämpfen, zieht der Theodulgletscher immer mehr Skifahrer an.
Die Sommersaison 2022 war allerdings eine Ausnahme. Aufgrund der Gletscherschmelze waren die Pisten zum ersten Mal für die Öffentlichkeit geschlossen und nur für nationale Skiteams geöffnet.
Dennoch meldeten die Restaurants und Hotels in Zermatt und Cervinia im letzten Sommer Rekordgewinne. Viele Besucher kamen in die Schweizer Stadt, um einen Blick auf das Matterhorn zu erhaschen – den berühmten Berg, der bei asiatischen Touristen beliebt ist und der auch für das Symbol der Toblerone-Schokolade Modell stand.
In diesem Sommer sind die Aussichten für das Skifahren gut. Im Mai hat es mehr geschneit als sonst, und der Gletscher scheint sich im Frühsommer besser zu halten als vor 12 Monaten.
Doch der idyllische Eindruck täuscht: So weisen zwei Bergführer darauf hin, dass einige Felsen auf der italienischen Seite „zum ersten Mal seit Jahrzehnten“ nicht mehr mit Schnee bedeckt seien.
Dies sei zwar ein Einzelfall, deute aber auf einen allgemeineren Trend hin: Während sich die größten Gletscher aufgrund des Klimawandels zurückziehen, sind viele der kleineren ganz verschwunden.
„Wir haben in der Schweiz derzeit 1.400 Gletscher, viele davon sind klein. Kleine Gletscher sind die ersten, die verschwinden“, erklärt Matthias Huss, Leiter des Schweizerischen Gletscher-Beobachtungsnetzes (GLAMOS) an der ETH Zürich.
„Allein in den letzten 30 bis 40 Jahren haben wir etwa 1.000 Gletscher verloren. Viele hatten nicht einmal einen Namen, aber jetzt verlieren wir Gletscher, die als wichtig gelten“, sagte er.
Schweizer Referendum über Klimaziele 2050
Am 18. Juni fand in der Schweiz ein Referendum statt, bei dem sich 59 Prozent der Bevölkerung für das Erreichen der „CO2-Neutralität“ bis 2050 aussprachen. Damit gleicht die Schweiz ihre Klimaziele an jene an, die die EU bereits zuvor verabschiedet hatte.
Mit dem Klimawandel geht auch das Schmelzen des Permafrosts einher. Dabei handelt es sich um den gefrorenen Boden, der als Klebstoff zwischen zerbrochenen Felsen und anderem Geröll fungiert. Das Schmelzen des Permafrosts verläuft langsamer, hat aber noch größere Auswirkungen auf Landverschiebungen und die Veränderung von Ländergrenzen.
„Wenn wir über Felsstürze und Erdrutsche sprechen, wie den, den wir vor zwei Wochen an der schweizerisch-österreichischen Grenze in Tirol hatten, dann hat das mit dem Schmelzen des Permafrosts zu tun. Auch Gletscher können solche Folgen haben, wenn auch in geringerem Ausmaß“, erklärte Huss.
Nach Ansicht des Professors könnten bis zum Jahr 2100 alle Gletscher in den Alpen verschwinden, mit Ausnahme der am höchsten gelegenen Gletscher, wie zum Beispiel die Gletscher des Mont Blanc. Dies sei das Worst-Case-Szenario.
Aber selbst im günstigsten Fall, zum Beispiel wenn die Nationen der Welt bis 2050 CO2-Neutralität erreichen, „werden zwei Drittel des Eises in den europäischen Alpen bis zum Ende des Jahrhunderts nicht mehr existieren“, so Huss.
Erschließung geht weiter
Derweil geht die Erschließung auf beiden Seiten der Grenze unvermindert weiter, angeheizt durch die Anziehungskraft des Gletschers.
Die Bauarbeiten an der Seilbahn, die den Schweizer Gipfel des Kleinen Matterhorns (3.883 m) mit dem Testa Grigia an der italienisch-schweizerischen Grenze (3.480 m) verbindet, wurden gerade abgeschlossen. Der Betrieb konnte am 1. Juli dieses Jahres aufgenommen werden.
Zum ersten Mal ist es möglich, von Zermatt ins nur 10 Kilometer entfernte Cervinia zu gelangen, ohne mindestens 10 Stunden lang Ski zu fahren oder zu laufen. Die anderthalbstündige Fahrt, bei der man dreimal die Gondel wechseln muss, ist jedoch teuer: Die Fahrt nach Cervinia und zurück nach Zermatt oder umgekehrt kostet etwa 240 Euro.
Dies ist die zweite Lehre aus dem Abschmelzen des Theodulgletschers: Mit dem Rückzug des Eises wird auch Bauland frei, so dass der Tourismus und die Immobilienbranche florieren. In Cervinia auf der italienischen Seite werden derzeit drei Gebäude renoviert. Auf der Schweizer Seite sind mindestens 16 Kräne in Betrieb, vor allem für den Bau neuer Gebäude.
Romy Biner, die Bürgermeisterin von Zermatt, sagt, dies sei nicht ungewöhnlich. „Die große Entwicklung der Stadt fand in den 80er und 90er Jahren statt. Seitdem haben wir eine starke Nachfrage nach Häusern und Wohnungen“, sagt sie. Nach Zürich ist Zermatt die Gemeinde mit den zweithöchsten Immobilienpreisen.
In gewisser Weise symbolisiert das Matterhorn eine für beide Seiten vorteilhafte Partnerschaft zwischen Italien und der Schweiz: Während die Bettenkapazität in Zermatt steigt, soll die neue Seilbahnverbindung neue Touristen auf die italienische Seite bringen.
Schwedische und englische Investoren haben vor kurzem Immobilien in Cervinia gekauft. Dies ist eine Premiere für die italienische Gemeinde, deren Entwicklung eng mit derjenigen von Zermatt verbunden ist.
Die Garantie für Komfort und Sicherheit für die Touristen ist daher von größter Bedeutung.
„Wir arbeiten am Lawinen- und Hochwasserschutz“, sagt Biner. „Geplant ist ein neuer Eisenbahntunnel von Täsch nach Zermatt, dessen Bau 2028 beginnen und 2035 enden soll. Wir arbeiten am Ausbau der Stromversorgung durch Wasserkraft. Um den Bedarf an Trinkwasser zu decken, bauen wir ein zusätzliches Reservoir.“
Die Zermatter Bürgermeisterin betonte auch die „sehr gute Zusammenarbeit mit Cervinia“ bei der Entwicklung der Infrastruktur.
In Zermatt geht die bauliche Erschließung stetig weiter.
Streitigkeiten um die Grenze
Allerdings verlief nicht alles reibungslos. Vor einigen Monaten wurde eine seit Generationen von Italienern gebaute und betriebene Schutzhütte zum Mittelpunkt einer örtlichen Auseinandersetzung.
Nach einem Erdrutsch, der durch das Schmelzen des Gletschers und des Permafrostes verursacht wurde, schlugen die Schweizer Behörden vor, die Grenzen neu zu ziehen, und beschlossen, die Hütte in die Mitte zu verlegen.
„Schweizer Experten kamen vor einigen Jahren nach Italien und sagten, dass die Hütte ihrer Meinung nach zur Hälfte auf italienischem und zur Hälfte auf schweizerischem Gebiet liege“, sagt Giuliano Trucco, ein 79-jähriger bekannter Bergführer in Cervinia, der schon mehrere Rollen in den italienisch-schweizerischen Grenzbeziehungen gespielt hat.
Sein Sohn Lucio leitet zwei Berghütten an der Grenze, darunter auch die umstrittene.
Die Geschichte nahm glücklicherweise ein gutes Ende. „Das Problem scheint gelöst zu sein. Nächstes Jahr soll die Hütte renoviert werden“, sagte Lucio. „Wir haben fast alle Genehmigungen. Am Ende war es vor allem kostenlose Werbung.“
Swisstopo ihrerseits erklärte, dass die Interessen in Bezug auf die Berghütte und das Restaurant allen Parteien bekannt seien und im Vertragsentwurf berücksichtigt worden seien.
Ein ähnlicher Streit zwischen Frankreich und Italien über die Grenzrechte am Mont Blanc könnte jedoch weniger gut ausgehen: Die Verhandlungen zwischen Paris und Rom, die sich seit Jahren hinziehen, werden Anwälte und Experten erforderlich machen, um eine für beide Seiten akzeptable Lösung zu finden.
In Zukunft könnten auch in anderen Regionen der Welt Spannungen aufflammen. Zum Beispiel in Asien, wo Grenzstreitigkeiten im Himalaya bereits zu Auseinandersetzungen zwischen Indien und China geführt haben.
Wenn dann noch andere Ressourcenknappheiten hinzukommen, gibt es keine Garantie dafür, dass diese Spannungen in einem friedlichen „merci“ enden werden.
[Bearbeitet von Frédéric Simon und Nathalie Weatherald]

