Europas Autoindustrie muss in die Zukunft blicken, nicht zurück

Die meisten europäischen Autohersteller haben bereits erklärt, dass sie bis 2035 vollständig auf Elektroautos umsteigen werden, einige von ihnen sogar schon früher. Die Aufgabe der EU ist es, sich auf diesen Wandel vorzubereiten, schreibt der Vizepräsident der EU-Kommission, Frans Timmermans.

COP27 UN Climate Change Conference in Sharm El-Sheikh, Egypt
COP27 UN Climate Change Conference in Sharm El-Sheikh, Egypt

Die meisten europäischen Autohersteller haben bereits erklärt, dass sie bis 2035 vollständig auf Elektroautos umsteigen werden, einige von ihnen sogar schon früher. Die Aufgabe der EU ist es, sich auf diesen Wandel vorzubereiten, schreibt Frans Timmermans.

Frans Timmermans ist Vizepräsident der Europäischen Kommission und für den Green Deal zuständig.

Wenn man vorwärtsfährt, um sein Ziel wiederzufinden, muss man das Lenkrad festhalten, sonst kommt man von der Straße ab. Diese Paraphrasierung des ghanaischen Schriftstellers Israelmore Ayivor beschreibt perfekt die heutige Automobilindustrie in Europa.

Es besteht kein Zweifel daran, wohin unser Weg führt. Ab dem Jahr 2035 werden alle Neuwagen in der Europäischen Union emissionsfrei sein.

Das ist ein sinnvolles Datum. Mit der gesetzlichen Verpflichtung der Europäischen Union, klimaneutral zu werden, müssen fast alle Autos auf unseren Straßen bis 2050 emissionsfrei sein.

In Anbetracht der durchschnittlichen Lebensdauer von Autos ist 2035 das richtige Datum.

Außerdem haben die meisten europäischen Autohersteller bereits erklärt, dass sie bis dahin vollständig auf Elektroautos umsteigen werden, und viele werden dies schon viel früher tun.

Daimler, der Erfinder des Verbrennungsmotors, wird bis zum Ende dieses Jahrzehnts vollständig auf den Elektroantrieb umstellen.

Europa hat eine stolze Geschichte im Automobilbau und verdient es, ebenso stolz in die Zukunft zu gehen. Ich möchte, dass unsere Autohersteller weiterhin unschlagbare, qualitativ hochwertige Autos herstellen und weltweit führend bleiben.

Aber die Welt steht nicht still.

Kürzlich haben die Vereinigten Staaten ein Klimapaket verabschiedet, das der Elektromobilität einen massiven Schub geben wird. China wird zwischen letztem und nächstem Jahr 80 neue E-Auto-Modelle auf den Markt gebracht haben. In ganz Europa beschränken immer mehr Städte den Zugang zu ihren Zentren auf emissionsfreie Fahrzeuge.

Millionen von Bürger:innen arbeiten jeden Tag in Europa, um Autos zu bauen, und Millionen von Familien sind von ihren Gehältern abhängig. Sie brauchen eine Industrie, die auf ihrer Vergangenheit aufbaut, nicht eine, die in ihr lebt.

Sie brauchen eine Industrie, die in Europa floriert und in die ganze Welt exportiert. Wir müssen emissionsfreie europäische Autos auf andere Kontinente bringen, nicht europäische Arbeitsplätze und wirtschaftliche Möglichkeiten. Und wir sollten keine umweltschädlichen Fahrzeuge exportieren, die die Emissionen nur in andere Länder verlagern.

Diese Umstellung hat tiefgreifende Auswirkungen auf Arbeitsplätze, insbesondere bei Komponenten und Kraftstoffen für Verbrennungsmotoren. Aber die Antwort liegt nicht darin, Lösungen voranzutreiben, die mit den Plänen der Industrie und den globalen Trends nicht vereinbar sind. Oder die Bemühungen zur Bekämpfung der Luftverschmutzung und zur drastischen Verringerung unserer Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen beiseite zu schieben.

Unsere Antwort sollte darin bestehen, viele weitere Arbeitsplätze in den Bereichen Elektrifizierung, Batterien, Ladetechnik und Software zu sichern. Mit dem richtigen Fokus und den richtigen Instrumenten können wir das. Als ich kürzlich Skoda in Tschechien besuchte, merkten die Werksverantwortlichen an, dass die Produktion von Elektrofahrzeugen tatsächlich mehr Arbeitsplätze geschaffen hat.

Andere Fabriken arbeiten daran, Komponenten von Verbrennungsmotoren für die Produktion von Wärmepumpen anzupassen. Die größte Herausforderung besteht nicht darin, neue Arbeitsplätze zu schaffen, sondern die Arbeitnehmer:innen zu schulen, damit sie sich von einem Arbeitsplatz zum anderen weiterentwickeln können.

Es ist auch keine Lösung, weiterhin Autos mit Verbrennungsmotoren für andere Länder zu produzieren. Der Übergang zur Elektromobilität mag in anderen Teilen der Welt langsamer vonstattengehen, aber die Elektrifizierung ganzer Volkswirtschaften wird nun zum festen Bestandteil unserer internationalen Klimadiplomatie.

Ich würde es lieber sehen, wenn die europäische Industrie saubere Autos und saubere Technologien exportieren und an der Entwicklung netzunabhängiger Lademöglichkeiten arbeiten würde, damit wir dazu beitragen, den grünen Wandel anderswo zu beschleunigen.

Auch wenn die wirtschaftlichen Möglichkeiten vorhanden sind, kann die Industrie nicht für einen Wandel planen, wenn wir Zweifel säen oder den Wandel selbst infrage stellen. Das Offenlassen von Schlupflöchern und das Anbieten von Hintertürchen trägt nicht zur Unterstützung unserer Industrie und ihrer Arbeitnehmer:innen bei. Wir würden unseren Fokus verlieren und von der Straße abkommen.

Im Jahr 2026 werden wir die Fortschritte auf dem Weg zum Null-Emissionsziel für 2035 überprüfen. Revisionsklauseln sind Teil eines jeden europäischen Gesetzes. Bei dieser Überprüfung wird es darum gehen, wie wir das Ziel für 2035 erreichen, nicht ob wir es erreichen wollen.

Das Ausstiegsdatum wurde vom Europäischen Parlament und den 27 Mitgliedstaaten vereinbart. Es ist das richtige Datum. Und es wurde von vielen in der Automobilindustrie begrüßt, weil es Gewissheit und Orientierung bietet.

Der Wandel für unsere europäische Automobilindustrie wird gewaltig sein, das ist unbestritten. Unsere Aufgabe ist es nun, uns darauf vorzubereiten.

Das bedeutet auch, dass die Verbraucher darauf vertrauen müssen, dass Elektroautos genauso einfach und bequem zu nutzen sind wie Benzin- und Dieselfahrzeuge. Es muss mehr getan werden, um die Ladeinfrastruktur auszubauen, um sicherzustellen, dass Elektromobilität erschwinglich ist, und um einen Markt für Autos aus zweiter, dritter und sogar vierter Hand zu entwickeln.

Je mehr sich die Automobilhersteller darauf konzentrieren können, neue elektrische Modelle auf den Markt zu bringen, desto schneller kann sich die Technologie verbreiten und desto billiger wird sie, wenn sie in großem Maßstab eingesetzt wird.

Wir müssen die nachhaltige Batterieproduktion in Europa ausbauen und andere Rohstoffe für die Elektromobilität sichern. Vor allem müssen wir jetzt die Arbeitnehmer:innen und die Tausenden von oft kleineren Unternehmen in der Automobilbranche unterstützen, damit sie die Fähigkeiten haben, mit uns in die Zukunft zu gehen.

Wenn wir weiter in den Rückspiegel schauen, werden andere Kontinente einfach an uns vorbeirasen. Die Unterstützung in Amerika und Asien für die Elektromobilität und alle dahinter stehenden Lieferketten ist inzwischen eine Tatsache, und Europa arbeitet an einer umfassenden Antwort, um Chancen und Arbeitsplätze hier auf unserem Kontinent zu sichern.

Die europäischen Automobilhersteller sind in der Lage, die Führung zu übernehmen. Sie können Autos bauen, die den amerikanischen und asiatischen Modellen überlegen sind.

Lassen Sie uns also zusammenarbeiten, um eine saubere und erschwingliche europäische Autoindustrie aufzubauen. Für Europa und die Welt.